Anton Zeitler
Hier wird das Lebenswerk eines Künstlers des 20. Jahrhunderts gezeigt, das trotz seiner Schönheit in Gefahr ist, unbekannt zu bleiben und verlorenzugehen.
In den zwanziger Jahren begann der jugendliche Künstler im sicheren Bewusstsein seiner Begabung, seine Eindrücke von der Welt in Aquarell, Zeichnung, Holzschnitt und schließlich in Öl wiederzugeben. Wir begegnen einem frischen, einfühlsamen, von Anfang an tiefgründigen Blick auf die Welt, die sich ihm in ihrer Schönheit und in ihrer Skurrilität zeigte.
Geboren wurde Anton Zeitler am 28. März 1909 in Stadtamhof, dem nördlich der Donau gelegenen Teil von Regensburg. Sein Vater Josef Zeitler war Postinspektor, seine Mutter Justina, geborene Sippl, war, wie es damals hieß, Privatiere. Die Kindheit Anton Zeitlers ist früh durch Erkrankungen geprägt. Der Sechsjährige wurde am Blinddarm operiert, was lebenslange Komplikationen zur Folge hatte. Den nächsten Darmoperationen musste er sich 1922 und 1925 in seiner Gymnasialzeit unterziehen. Er hat sich mit dem jähzornigen Vater nicht gut verstanden, hing aber an der Mutter, der er im Aussehen und im Wesen sehr ähnlich war. Diese Mutter hatte gewünscht, ihr Sohn möge katholischer Priester werden. Geblieben ist ihm von da her ein starker Sarkasmus, ja ein Rebellentum gegenüber vielen, auch klerikalen Autoritäten. Eine Episode aus seiner Kindheit im Frühjahr 1918 hat ihn zutiefst erschüttert. Man war aus dem vertrauten Stadtamhof in ein neues Haus etwas außerhalb der Altstadt, am Ende der Luitpoldstraße gezogen, das er zunächst als „ernüchternd“ empfand. Er spricht selbst von einer „ungeheueren Tragik“ seiner Erziehung:
„Wir waren bereits im neuen Haus, das ich nüchtern empfand beim ersten Anblick. Mein Bruder war damals etwa 3 1/2 Jahre alt. Im Kammerl neben der Küche (jetzt Bad) stand er am Fenster, ich war gerade in der Küche und sah wie von ungefähr zur Tür hinaus - da fiel er plötzlich nach links (nieder), und er rutschte aus. Er fiel so unglücklich auf den da stehenden Farbtopf mit den spitzen Pinseln, dass er sich einen Pinselstiel ins Ohr stieß. Er schrie natürlich fürchterlich, als ich ihn aufhob, und er blutete. Meine Mutter war außer sich; das schlimmste war - ich war an allem schuld! Mein Vater tobte und gab mir immer wieder die Schuld. Er wollte mich erschlagen. Das kam schließlich so weit, dass ich vor ihm zum Onkel Anton flüchten musste, etwa eine Woche, bis sich alles legte.
Das Gehör meines Bruders war nicht verletzt. Nur der Gehörgang blutete etwas. Als ich endlich heim durfte, musste ich immer wieder hören, ich wäre doch schuld und ich soll´s nur sagen. Ich konnte aber nur beteuern, dass ich in der Küche war…. Das, was meine Mutter selbst noch tief beeindruckte, war folgende kleine Begebenheit: Ich kam voller Angst heim, traute mich kaum zu läuten und fragte leise - ist Papa schon daheim? Wobei ich mich auf den Zehen an seiner Türe vorbei schlich. Solche Angst hatte ich damals vor meinem Vater.“
Das heimatliche Regensburg, der Blick von der Steinernen Brücke, vom Oberen und Unteren Wöhrd und von den Uferstraßen aus auf die Silhouette der Stadt und deren Spiegelungen im Wasser haben sich ihm tief eingeprägt. Die damals noch urtümlich wirkende, unversehrte Landschaft an den Altwassern der Donau hat seine Liebe zur Natur begründet. Er lebt im grünen Paradies eines Georg Britting, in den blaugrünen Hügellandschaften eines Albrecht Altdorfer. Auge und Hand schulen sich an den unendlichen Bildeindrücken und Formen von Stadt, Fluss und Uferlandschaften. Und auch die Gebirgswelt um Berchtesgaden, wo sein Onkel Anton, der Bruder des Vaters, Bürgermeister war, beschenkte ihn mit einer Fülle von Impulsen.
Die künstlerischen Anfänge von Anton Zeitler
Einige Arbeiten des Sechzehn- bis Zwanzigjährigen, zarte Landschafts- und Blumenaquarelle, sowie Zeichnungen und Holzschnitte sind erhalten, z.B. ein temperamentvoller Klavierspieler, Straßenmusikanten und heimkehrende Zecher. Mehrere Arbeiten, datiert ab Mai 1928, stammen aus seinem letzten Schuljahr. In einer sommerlichen Flusslandschaft sieht man rechts Stadtamhof mit der Pfarrkirche St. Mang, in der das Kind Anton - wahrscheinlich - getauft worden ist. Die Brückenbögen links weisen hinüber auf die Stadt. Mächtig und doch feingliedrig erhebt sich der Dom auf einer Bleistiftzeichnung aus dieser Zeit. Im Herbst 1929 begann Anton Zeitler sein Studium für das Amt des Zeichenlehrers an der Bayerischen Akademie der Bildenden Künste und an der Technischen Hochschule in München. Doch nicht nur politisch, auch künstlerisch war er in eine schwierige Übergangszeit geraten.
Der große, furiose Aufbruch der klassischen Moderne einschließlich des Expressionismus war an sein Ende gelangt, neue künstlerische Wege mussten gesucht werden. Die Akademie bot ihm solche Möglichkeiten, denn sie war noch nicht von den Nazis gegängelt. Noch gab es ein freizügiges Studentenleben in Schwabing, an dem sich Anton Zeitler beteiligte. Noch gab es von der Moderne geprägte Hochschullehrer wie den Maler Karl Caspar. Sein Leben lang stand Anton Zeitler unter dem Eindruck und Einfluss der großen Maler der Moderne, wie auch dem der alten Meister. Zwei Semester lang besuchte er die Zeichenklasse von Professor Julius Diez, 1931 die Meisterklasse Karl Caspars, den er als seinen wichtigsten Lehrer bezeichnete. Durch ihn bekam er nach dem Staatexamen 1933 ein Jahr lang ein Meisteratalier in der Akademie. Gern erzählte er von den Vorlesungen des Anatomieprofessors Siegfried Mollier, der die Anatomie der weiblichen Brust sehr genau darzustellen wußte. Der menschliche Körper, besonders der weibliche, wurde zu einem beherrschenden Thema im Werk des Künstlers.
Der Künstler in den dreißiger Jahren
Er ist weltoffen, auch interessiert an Musik und Literatur. Am 10. Februar 1933 hörte er im Auditorium maximum der Universität Thomas Mann mit seinem berühmt gewordenen Vortrag Leiden und Größe Richard Wagners und war zutiefst beeindruckt. Er gab später an, schon 1932 bei politischen Diskussionen an der TH gegen den Nationalsozialismus argumentiert zu haben.
Einer der wichtigsten neuen Wege für die Kunst damals war die Neue Sachlichkeit. Deren gefühlsstarken, doch ganz der Realität verpflichteten Stil spürt man in den Bildern Anton Zeitlers aus den dreißiger Jahren. Es sind einige große Ölbilder erhalten, z.B. das Porträt des Bruders Gustav von 1930, sowie eine Winterlandschaft mit großem rötlichen Haus. Ein ausdrucksvolles Landschaftsbild zeigt die dominierende Fassade der Kirche Mariaort am Zusammenfluss von Naab und Donau, ein anderes Ölbild den Starnberger See. Formale Sicherheit, ein sensibler Pinselstrich und eine fast unergründliche Expressivität der Farben und Formen zeichnen sie aus. Ein Sonnenblumenbild weist auf seine Beschäftigung mit van Gogh hin. Er besaß eine Ausgabe der Briefe dieses Künstlers an seinen Bruder Theo; laut einem Leihzettel der Staatsbibliothek bestellte er sich 1938 van Goghs Briefe an Rappard.
Die Beamtenlaufbahn, die Anton Zeitler damals wohl als den einzigen existenzsichernden Weg für sich selbst ansah, wurde in den dreißigerJahren zu einem immer engeren Korsett. Er bekam zunächst keine reguläre Zeichenlehrerstelle, sondern wurde nach Ablauf der pädagogisch-didaktischen Ausbildung ab Mai 1934 als außerplanmäßiger Beamter im Land herumgeschickt: nach Nürnberg, Regensburg, Günzburg, Pirmasens, Ansbach, Bayreuth, Bamberg und wieder Nürnberg. Den Lehrer und Maler bedrohten Existenzangst, die Angst vor Denunziantentum und schließlich die begründete Angst vor einem drohenden Krieg. „Hitler bedeutet Krieg“, hatte er 1933 seinen jüngeren Bruder gewarnt. Der zukünftige Arzt ließ sich warnen; er lernte in den dreißiger Jahren Rupprecht Gerngross kennen und beteiligte sich am Ende des Krieges an der Freiheits-Aktion Bayern. Anton Zeitler aber mußte sich durchlavieren. Immer in Sorge wegen seiner prekären Gesundheit und immer in der Angst, seine mangelnde Linientreue könnte offenbar werden.
Die Überlebensstrategien des Lehrers Anton Zeitler
1934 wurde er denn auch am Nürnberger Realgymnasium 2 wegen seiner regimekritischen Einstellung beim Direktor denunziert, worauf er sich durch eine „Ergebenheitserklärung“ zu schützen versuchte. Diese wiederum sollte ihm später bei der Entnazifizierung schaden. Im Herbst 1937, als er sich um eine Zeichenlehrerstelle an der damaligen Städtischen Oberschule in Miesbach bewarb, sah er sich zum Eintritt in die NSDAP gezwungen. Er erhielt diese Stelle zum 1. November, doch tragischerweise wurde seine Laufbahn schon im Frühjahr 1938 aufgrund schwerer Erkrankungen und drei Operationen unterbrochen. Von September 1938 bis Ende Mai ´39 blieb er "ohne Verwendung". Aus all diesen Jahren der Bedrängnis sind kaum datierte Bilder erhalten. Am sichersten lässt sich das Ölbild Bei Nürnberg in die Mitte der dreißiger Jahre einordnen. Der Bruder pflegte den noch immer Geschwächten in seiner Schlierseer Wohnung. Im Herbst 1938 bezogen beide eine Atelierwohnung in der Theresienstraße 88 in München. Ab 1. Juni 1939 leistete Anton Zeitler wieder „Vorbereitungsdienst“ an der Oberrealschule an der Klenzestraße in München, schließlich ab 8. Januar 1940 Unterrichtsaushilfe am dortigen Wilhelms-Gymnasium. Er wurde im Mai 1941 mit allem nationalsozialistischem Brimborium, Ahnennachweise etc., zum Studienrat ernannt.
Am 30. Juli 1940 heiratete er die Münchner Kaufmannstochter Betty Nahr und bekam am selben Tag seine erste Tochter Johanna. Doch erst im November 1941 konnte die junge Familie eine eigene Wohnung am Mariannenplatz 4 beziehen; die Atelierwohnung in der Theresienstraße wurde beibehalten. Um selbst malen zu dürfen, musste Anton Zeitler der Reichskammer der bildenden Künste beitreten. Er tat dies 1937. Während des Krieges war Malmaterial nur mit Bewilligung dieser Kammer zu erhalten. Und so wurde ihm z.B. im Mai 1941 auf einem Formular der Reichsleitung der Kammer beim Gau München und Oberbayern mit Stempel und Unterschrift der Bezug von 125 g Mastixfirnis, im Januar 1942 der Kauf von vier Keilrahmen genehmigt. Im September wurde der Antrag auf Zuteilung von 120 kg Eisen für die Anschaffung einer Kupferdruckpresse von der höchsten Stelle in Berlin abgelehnt. Auf einem anderen offiziellen Erlaubnisschein wurde ihm gestattet, vom 15.02. - 31.12.43 Rasenflächen und Gehölzgruppen im Englischen Garten zu betreten und dort eine Staffelei aufzustellen.
Ein Maler der Idylle und des Zusammenbruchs
Bilder des idyllischen München entstehen bis ca. Mitte 1943: Der Englische Garten und Nymphenburg mit seinen Statuen, Schlößchen und schön geschwungenen Brücken, die Briennerstraße mit dem Obelisken, ein „Vorfrühling“ mit Blick auf das Deutsche Museum. Auch Münchens Umgebung sucht er auf und spiegelt sie in seinen Bildern. Ein absolut Schönes scheint ihm Halt zu geben. In einem Skizzenbuch erscheinen die Jahreszahl 1942 sowie der Hinweis "Unger". Anton Zeitler zeichnet einige Damen im Bikini, im Ungererbad, hockend oder liegend. Es wird erkennbar, dass der weibliche Körper, wenn auch ein wenig skurril, für ihn einen Flucht- und Sehnsuchtsort darstellt.
Doch die Welt der Idylle war aufs höchste gefährdet. Eine um 1940 beginnende Schwerhörigkeit belastete den Zeichenunterricht, der sich grundsäzlich nach den Vorlagen des Regimes mit Panzern, Kriegsschiffen und Fliegern auseinanderzusetzen hatte. Eine Fülle von Regelungen und Sonderverpflichtungen, die Aufgaben eines Luftschutzwartes, das Erlernen von Schiffsmodellbau etc. begleiteten den Kunstunterricht und das Privatleben. Seinen ironischen Blick auf die Welt verraten die wahrscheinlich ab 1945 entstandenen Witzzeichnungen im Skizzenbuch: Witze über Maler und Modell, über Nonnen, die mit ihren großen Flügelhauben fliegen und über die „fliegenden Festungen“ der Luftwaffe.
1943 verstärkten sich die Fliegerangriffe auf München. Im September wurden seine Frau und inzwischen drei Kinder nach Schliersee evakuiert. Wie sich sein Dienst damals gestaltete, ist unklar. Im April 1944 kam es zum Brand in der Wohnung am Mariannenplatz. Seine Bilder waren vergeblich in der Akademie untergebracht worden, denn im Juni und Juli gab es Bombenangriffe auf die Akademie, die Technische Hochschule und die Wohnung in der Theresienstraße. So meldete Anton Zeitler im Juli an die Leitung der Kulturkammer einen Totalverlust seiner Bilder und bezeichnete sich als obdachlos. Im selben Sommer plante er den Bau eines eigenen Hauses im Schlierseer Raum. Ein Behelfsheim wurde gekauft, aber nie aufgestellt. Sein dann tatsächlich errichtetes Haus in Josefstal hat er mit Hilfe eines befreundeten Architekten selbst entworfen, es gibt zahlreiche Pläne und Zeichnungen davon. Er bekam im Herbst einen Bauplatz auf einem kleinen Hügel an der Kameterstraße zugewiesen. Zusammen mit seiner Frau schlug er mit Pickel und Schaufel Gräben für das Fundament in den Fels. Aber noch herrschten das Militär und die SS in der Gegend. Zum Jahresende 1944 eignete sich ein SS-Mann das schöne Grundstück an und baute für seine zukünftige Villa eine gigantische Grundmauer in den Hang. Zwei Seiten dieses Mauerwerks, die bis heute existieren, schaffte er noch vor Kriegsende; dann konnte Anton Zeitler weiterbauen. Dass seine Frau für einen Eisenbahnunfall entschädigt wurde, half dann bei der Finanzierung. Im Sommer 1946 wurde das grob fertiggestellte Haus von der Familie bezogen.
Aufgrund seiner Mitgliedschaft in der NSDAP wurde Anton Zeitler im Januar 1946 aus seiner Beamtenstellung entlassen. Er musste sich nun über zweieinhalb Jahre um seine Wiedereinstellung bemühen, die im Oktober 1948 erfolgte. Er arbeitete nun getrennt von der Familie in Schwandorf. Diese zog 1952 in das großväterliche Haus in Regensburg, wohin er dann 1953 versetzt wurde. Und wieder wurde die Landschaft in seinen Bildern zum Spiegel seelischen Erlebens, seiner Suche nach Ordnung, Schönheit und Frieden. Anton Zeitler malt Schliersee vom Weinberg aus mit der jahrhundertalten Linde am rechten Bildrand, das vor den aufragenden Bergen hingeduckte Josefstal, die Berge zu jeder Jahreszeit, oft als geheimnisvolle Winterlandschaft.
Kriegszerstörungen erscheinen im Werk Anton Zeitlers nur gelegentlich. Ein eindrucksvolles Aquarell zeigt die Ruinen des zerbombten Münchens vom Karlsplatz aus, mit dem Blick auf die Frauenkirche, ein weiteres die Silhouette Regensburgs mit dem gesprengten Bogen der Steinernen Brücke. Auf einigen Zeichnungen und Skizzen erzählt er skurrile Geschichten: Man schaut in ein mehrstöckiges Wohnhaus hinein, es steht wie auf Stelzen. Das Erdgeschoß liegt in Trümmern, verbogene Eisenpfeiler ragen in verschiedene Richtungen, eine demolierte Wohnung darüber mit schief hängendem Hitlerbild ist behelfsmäßig abgestützt. Doch im obersten Stockwerk sitzt ein Pärchen, neben sich eine Weinflasche. Mit Hitler hat sich Anton Zeitler gelegentlich karikierend auseinandergesetzt, er zeichnet ihn fett, alt und düster. Eine nackte, ihn verhöhnende Figur scheint zu sagen, der „Führer“ sei impotent.
Ein Künstlerleben in den fünziger und sechziger Jahren
In diesen Jahren normalisierte sich das Leben der Malerfamilie wieder. Anton Zeitler besaß wie zuvor in München ein Atelier und malte und zeichnete voller Leidenschaft. Auf den Ausflügen in die Regensburger Umgebung entstanden zahlreiche Aquarelle - im Regental, in Kallmünz, Penk, Mariaort, dazu das Weichbild der Stadt aus immer wieder neuen Perspektiven, in immer neuen Beleuchtungen und Farben. Auch Fabrikschornsteine, Industrieanlagen, Eisenbahnbrücken, Stromleitungen, Traktoren und Autos werden zum Bildmotiv oder sind in eine größere Landschaft eingebunden. Menschen hingegen tauchen, wie schon in den früheren Bildern, nur als kleine Spielfiguren im großen Zusammenhang der Welt auf. Natur, Mensch und Technik werden als Einheit empfunden. Groß und fast flächendeckend sind dagegen die Menschen in den Aktbildern. In immer neuen Gruppierungen tummeln sich die Nackten in Gärten, an Stränden und auf Campingplätzen. Das Bild des nackten Menschen, das er vielfältig gestaltet, scheint den Blick ins Paradiesische zu weiten.
Als die Familie Mitte der fünfziger Jahre mit Zelt und Caravan auf Reisen gehen konnte, waren die ersten Ziele Padua und Venedig mit der Biennale. In den folgenden Jahren lernte der Maler Paris, Chartres, die Provence und das nördliche Italien kennen und lieben. Südliche, lichtdurchflutete Landschaften entstanden hier, auch von Santa Maria della Salute in Venedig, der Brücke von Avignon, vom Luganer See. Auf seinen Reisen suchte Anton Zeitler die Begegnung mit jener Welt der Kunst, die ihm das Leben bisher vorenthalten hatte, von der französichen Gotik bis zu den Zeugnissen der jüngeren Moderne. Er bewunderte Picasso, dann Matisse, dessen kleine Kirche in Vence er besuchte, und Rouault, dessen Kirchenfenster er in Assy besichtigte, Modigliani, Beckmann und viele andere. Einmal hatte er sogar erwogen, Picasso in seinem Atelier aufzusuchen; eine befreundete Malerin mit Kontakten nach Paris wollte ihn dabei unterstützen. Seine Lebensumstände aber haben ihm derartige Aufbrüche schließlich nicht erlaubt.
An den ersten Besuch in Südfrankreich erinnert sich die älteste Tochter: „Als wir 1957 das Ziel Aix-en-Provence erreicht hatten, den Mont Sainte-Victoire aus der Ferne bewunderten und schließlich das Atelier Cézannes betraten, blieb mir das Herz fast stehen, als mein Vater den Hut seines Idols aufsetzte und eine kleine Differenz in der Kopfgröße feststellte. Ich achtete so ängstlich auf die Aufpasser und die anderen Besucher, dass ich nicht mehr weiß, wessen Kopf nun der größere oder kleinere gewesen war. Aber ich erinnere mich, dass er recht glücklich war in diesem Augenblick.“
Ein Refugium in dem er nicht gestört werden durfte, war sein Atelier, zunächst in der Stadt, dann im eigenen Haus. Auch eine Druckerpresse konnte er von dem befreundeten Regensburger Künstler Franz Ermer erstehen. Im Atelier häuften sich die Ölbilder, die Aquarelle, die Zeichnungen und sonstigen Grafiken, die Zeitungsausschnitte und die Kunstpostkarten. Nur seine Frau Betty durfte hier gelegentlich aufräumen oder Modell für ihn sein.
Die Schätze seines Spätwerks aus den sechziger Jahren konnten erst nach seinem Tod betrachtet werden. In seinem letzten Lebensjahrzehnt malte er in einem neuen, lockeren, experimentierenden Stil. Es entstanden zahllose Aquarellskizzen und Zeichnungen. Die Figuren sind flächig und in immer neuen Farbvariationen angeordnet. Die Bewegung eines Körpers im Sport, Tanz oder artistischen Spiel wurde sein Thema. Auch Sommer- und Badeszenen, Winterbilder, Blumenstilleben entfalten sich wie kaleidoskopische Farbenspiele. In Phantasielandschaften stellt der Maler sich erotische und mythologische Szenen vor: Adam und Eva, Odysseus, gefesselt vor den lasziv sich räkelnden Sirenen.
1964 wurde Anton Zeitler wegen schwerer Erkrankungen vorzeitig pensioniert, worauf er wieder in sein Refugium in den Bergen zog. Fünf Jahre später - erst sechszigjährig - musste er dort schon wieder Abschied nehmen. Das letzte halbe Jahr seines Lebens, mit der Diagnose einer bösartigen Leukämie, die er nicht zur Kenntnis nehmen wollte, verbrachte er überwiegend im Miesbacher Krankenhaus, betreut vom dortigen Chefarzt, seinem Bruder Gustav, gepflegt von den Vinzentinerinnen und begleitet von seiner Familie.
Der engagierte Kunsterzieher
Anton Zeitler sprach nicht viel von seinem Zeichenunterricht, obwohl er in seinem Brotberuf sehr engagiert war. „Jedes Kind bringt die Begabung zum Zeichnen und Malen mit, es vermag das Geschaute wiederzugeben", war sein pädagogisches Credo. Genau hinschauen mussten seine Schüler auf das jeweilige Motiv und das Gemalte auch gelegentlich mit Deckweiß korrigieren. Als "Deckweiß-Schore" haben sie ihren Lehrer in Gedächtnis behalten, als etwas skurrile Figur mit Hörapparat.
Dr. Friedrich Graf erzählte von seinen eigenen Erfolgen im Zeichenunterricht. Einmal holte der Lehrer sogar den Direktor, um ihm eine besonders gelungene Arbeit seines Schülers zu zeigen: ein Junge und ein Mädchen auf einer Vespa sitzend, wobei das Mädchen einen Rock tragen musste. Ein anderes Mal hatte Anton Zeitler das Thema „Twist“, den neuen Modetanz der frühen sechziger Jahre, gestellt. Die Schüler sollten das „Rumgehüpfe“ und die Verrenkungen der Tanzenden wiedergeben. Die Themen seines Unterrichts und die seiner eigenen Arbeiten aus diesen Jahren sind recht nah beieinander. Viele seiner späten Aquarellskizzen und Zeichnungen tragen wundersame Signaturen. Als sparsamer Mann hat er da die Rückseite der Arbeiten seiner Schüler für seine eigenen Entwürfe hergenommen. Da stehen dann noch heute deren Namen, Klasse und das Datum der Arbeit. Auf den Vorderseiten aber sind viele zauberhafte und fantasiereiche Bilder und Zeichnungen der Schüler erhalten.
Die Kinder des Malers Johanna, Regine, Anton, Justine und Franz, wuchsen auf mit dem Blick auf die Bilder ihres Vaters. Sie durften von klein auf mit Wasserfarben malen und erhielten dafür meistens Lob. Sie zeichneten, und sie wurden gezeichnet. Es entstanden von allen schöne Porträtbilder, als Zeichnung, in Öl, Pastell und Aquarell. Zwei seiner Töchter, Regine und Justine, unterstützte er erfolgreich bei ihrer Bewerbung um Aufnahme in die Akademie der Bildenden Künste. Beide Töchter wurden Malerinnen, Regine auch Kunsterzieherin.
Der Künstler Anton Zeitler
Dass Künstler in spürbarer Opposition zu ihrer Zeit leben und empfinden und doch in sie hineingehören, ist nicht ungewöhnlich. Anton Zeitler war ein streitbarer, vielleicht streitlustiger Mensch. Er hat sich viel und mit vielen auseinandergesetzt, wurde gemobbt und oft übergangen. Hatte er sich in den vierziger Jahren noch um Ausstellungen bemüht, so war er in den fünfzigern nur noch kritischer Beobachter. Wenn er die Familie alljährlich durch die große Kunstausstellung im Haus der Kunst führte und dabei etliche andere Maler kritisierte, vermittelte er ihr seinen besonderen Blick auf die zeitgenössische Kunst. Er lehnte alles ab, was ihm als Mode und Epigonentum erschien. Dies galt unter anderem für die in den fünfziger Jahren den Markt und die Meinungen beherrschende abstrakte Kunst. So kam es öfter zum Streitgespräch mit der befreundeten Künstlerin Irma Huenerfauth unter dem Motto "gegenständlich kontra abstrakt". Und doch nähert er sich in seinem Spätwerk in lockerer Form der Abstraktion.
Betrachtet man heute sein Werk in Kenntnis seiner schweren, unglücklichen Biographie, so eröffnet sich hier eine Gegenwelt der Idylle und des Traums. Anton Zeitlers Kunst ist verhalten, expressiv und von sehnsüchtiger, sehnsüchtig machender Schönheit. Sie nimmt ihren Ausgangspunkt in der Wiedergabe der äußeren Wirklichkeit und führt hinein in ein tiefgründiges Spiel mit deren Formen und Farben. Sie ist Wahrnehmung eines Inneren im Äußeren, Verwandlung des Äußeren in Empfindung und Träumerei. Dies trifft auch dann zu, wenn Technik und Industrie in den Motivbereich der Bilder treten. Und sie ist in der Grafik voll Ausdrucksstärke, Schwung, Eleganz und Humor.
Diese Kunst ist damit Gegenpol zur Intellektualisierung der modernen Malerei und Gegenpol zur Reduktion von Form und Farbe ins Plakative und Schematische, zur Trivialisierung der Kunst im Readymade, zur Trennung des Kunst-Materials von irgendeiner erklärten oder nachvollziehbaren Bedeutung, aber auch Gegenpol zur surrealen Tiefgründigkeit. Aufgrund all dieser Nichtzugehörigkeiten, aufgrund ihrer Eigenwilligkeit und Eigensinnigkeit, konnte diese Kunst in ihrer Zeit nicht wahrgenommen werden. Vielleicht aber kann sie es heute.